Verlegung am 30. Juni 2026 in Hannover
Stolpersteine als Erinnerung an die Familie Flieder und Mahnung an die Nachwelt. Foto: Heimann.
Die Stolpersteine erinnern an die Eltern von Ida Dehn, Abraham und Ruchla Flieder und Idas Brüder Chin (*1919) und Isaak (*1922), die Opfer der Nazi-Verfolgung wurden. Die Verlegung erfolgte in der Hannoveraner Marktstraße 38, wo sich bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg das Haus Nummer 38 befand, in dem die Familie Flieder seit 1918 lebte.
Peter und Paul Dehn, die die Stolpersteine für die Familie ihrer Mutter und Großmutter Ida angeregt hatten, freuten sich besonders über zwei Schülergruppen, die mit ihren Lehrern gekommen waren und Blumen zur Ehrung der Naziopfer niederlegten. Dies ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass das Nazi-Unrecht nicht vergessen und die Mahnung weitergetragen wird, dass Verbrechen wie die der Nazis nicht tolerierbar sind und nie wieder geschehen dürfen.
hannover.de berichtete über die Verlegung.
Mithilfe ihrer Arbeitgeber konnte Ida Ende 1938, gerade 17 Jahre jung, die weite Fluchtreise nach Australien antreten. Sie musste in Hannover ihre Eltern und zwei Brüder und einen Halbbruder mit seiner Familie in Belgien zurücklassen. Alle wurden Opfer des Rassenhasses der Nationalsozialisten.
In einer kurzen Rede erinnerte Peter Dehn an die Familie seiner Mutter Ida Dehn, der einzigen Überlebenden der Familie Flieder. Er informierte über die Zeitumstände, die für viele jüdische Menschen in Deutschland kaum mehr als eine Wahl zwischen Flucht und Tod zuließen und verband das mit den Schicksalen seiner Verwandten.
Konkrete Bezüge zur Geschichte der Familie Flieder hatte auch die sog. „Judenaktion“, als die Nazis nach dem Novemberpogrom 1938 30.000 jüdische Männer in KZs einsperrten, um ihre baldige Ausreise zu erzwingen. Teil des antisemitischen Unrechts war, dass sich der Nazi-Staat sämtliches Eigentum der aus dem Land vertriebenen Menschen einverleibte, versilberte und mit den Profiten dieser „Arisierung“ die Kriegskasse füllte.
Peter Dehn erwähnte u.a. eigene Assoziationen zu Medienberichten. Wie belarusische Polizei 2021 unter Waffengewalt Flüchtlinge ins Niemandsland zu baltischen Nachbarstaaten zwangen erinnerte ihn an das Schicksal seines Großvaters und des jüngsten Onkels. Sie wurden im Oktober 1938 zusammen mit 17.000 in Deutschland lebenden polnischen Juden an die Ostgrenze des Nazireiches geschafft und mit vorgehaltenen Waffen ins Niemandsland zu Polen abgedrängt.
Die Familie Flieder lebte seit 1918 in der Marktstraße 38, diesem Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert, das im Weltkrieg zerstört wurde. Heute ist dort ein Spielplatz. Quelle: Historisches Museum Hannover, 002494_12267.
Auch Schüler legten Blumen an den Stolpersteinen nieder. Foto: Heimann.
Im Zeitzentrum Zivilcourage entstanden ein Infoblatt und ein kurzes Video über die Familie Flieder (download: Grafik anklicken).
Weitere persönliche Bezüge von Peter und Paul Dehn bestehen zu einigen Menschen, von denen im Elternhaus Dehn gesprochen wurde: Viele Namen sind (teils unerwartet) mit dem Exil in Australien verbunden. Bei den Recherchen für diese Website wurden spannende und aufwühlende Biografien von Freunden und Bekannten entdeckt.
Oben: Die Familie Flieder aus Hannover: Ida, Ruchla, Chin, Abraham und Isaak (v.l.n.r.). Foto: Familienarchiv Dehn.
Mitarbeiter der Tiefbauamtes verlegten die Stolpersteine. Quelle: Landeshauptstadt Hannover.
Peter und Paul Dehn danken dem ZeitZentrum Zivilcourage der Stadt Hannover und dem Netzwerk Erinnerung und Zukunft in der Region Hannover e.V.
Stolpersteine für die Angehörigen der Familie Dehn wurden im Mai 2023 in Berlin-Charlottenburg, Dahlmannstrasse 10 und Sybelstrasse 54, verlegt.