Die Kindertransporte – nicht nur Vergangenheit
„Züge in das Leben – Züge in den Tod“ – am Berliner Bahnhof Friedrichstrasse steht eines von fünf Denkmalen von Frank Meisler, der selbst durch einen Kindertransport überlebte. Foto: Dehn.
„Die tatsächliche Geschichte des Kindertransports 1938/39 ist (…) komplex, und in vielen Fällen tragisch und traumatisch. Die damalige britische Regierung spielte keine heldenhafte Rolle. Dies ist besonders zu beachten, wenn britische Regierungen heutzutage wiederholt versuchen, ihrer Verantwortung gegenüber Flüchtlingen auszuweichen und stattdessen Sonntagsreden über die angeblich glorreiche Vergangenheit halten. Aber auch in Deutschland nehmen ressentimentgeladene Diskurse über Flüchtlinge in der öffentlichen Diskussion immer mehr Raum ein.“
Diesen deutlichen Hinweis auf die Gegenwärtigkeit historischer Ereignisse stellt Andrea Hammel ihrem Buch „Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien“ voran.
Das macht durchaus Sinn. Denn wenig bekannt ist, dass sich 32 Staaten und 71 Hilfsorganisationen während der Konferenz von Evian im Juli 1938 nicht über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge einigen konnten. Ein paar Monate später folgten die Zwangsabschiebung polnischer Juden nach Polen und darauf die Pogrome vom 9. November. Selbst Monate später scherte die USA und andere Staaten das Schicksal und Leiden der Verfolgten wenig, wie die Irrfahrt der St. Louis im Mai 1939 zeigte.
Kritisch festzustellen ist auch, dass die britische Regierung nicht mehr tat, als 10.000 jüdischen Kindern – und ohne ihre Eltern – die Einreise zu ermöglichen. Kosten durfte das den Staat nichts. Im Gegenteil wurde je Kind, das aus Deutschland, Österreich, der CSR und Polen gerettet wurde, eine Garantiezahlung von 50 Pfund verlangt. Das konnte sichnicht jeder leisten. Heute entspricht der Betrag einer Kaufkraft von 4.000 bis 5.200 Euro.
Obendrein wurde nicht nach einem Grad der Bedrohung jüdischer Kinder in ihren Heimatländern entschieden, sondern nach einem potenziellen Beitrag, den sie für England leisten könnten. Das, obwohl die Regierung von einem temporären Konzept ausging. Denn nach dem Krieg sollten die Kinder nach Hause geschickt werden.
Zudem wurden viele Kinder in ungeeignete Pflegestellen geschickt. Und im Juni/Juli 1940 wurde eine bislang unbekannte Zahl von „Kindertransportees“ ab dem 16. Lebensjahr von Polizisten oft direkt aus dem Schulzimmer oder vom Ausbildungsplatz geholt, um sie auf der Isle of Man und in anderen Internierungslagern hinter Schloss und Riegel als Feinde Englands wegzusperren. Viele Internierte wurden nach Kanada oder Australien deportiert. Allein an Bord der Dunera waren 325 Jugendliche der Jahrgänge 1922, 1923 und 1924. Mindestens 25 von ihnen waren den Nazis durch einen Kindertransport entronnen, und wurden nun als Spione verdächtigt.
Andrea Hammel geht in die Tiefe der tatsächlichen Ereignisse und Hintergründe der Aktion und der Zeit danach und schreibt das mit Empathie auf. Ihre Erkenntnisse sind spannend für alle, die sich mit den Fluchtbewegungen der Nazizeit beschäftigen. Die Analyse der damaligen Kindertransporte bietet Anregungen für Schlussfolgerungen für den heutigen Umgang mit Kindern, die vor Konflikten in ihren Heimatländern fliehen.
Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien. Hentrich & Hentrich 2026. 184 Seiten, 13 Abbildungen. ISBN 978-3955657904. 22,00 €.
Termine mit Andrea Hammel
- Am 16. April in der Berliner Werkstatt Exilmuseum (19 Uhr, Fasanenstraße 24, 10719 Berlin); der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten.
- Am 27. Mai in der Cohn-Scheune, Rotenburg (19 Uhr, Am Kirchhof 1, 27356 Rotenburg).
Das neue Buch von Andrea Hammel ist eine Überarbeitetung ihres 2023 in England erschienenen Buches „The Kindertransport: What Really Happened“.
Prof. Andrea Hammel lehrt Deutsch und ist Direktorin des Centre for the Movement of People an der Aberystwyth University (Wales).
Neues über
S. Lohde
Völlig unerwartet konnte dunera.de eine „Familienzusammenführung“ einleiten: Kurz nach Veröffentlichung der Biografie über den Schauspieler Sigurd Lohde, die in enger Zusammenarbeit mit den Nachfahren von Lohdes Bruder Gerhard entstanden war, meldete sich die Familie der bisher unbekannten unehelich geborenen Tochter Ingeborg. Sie (und nicht wie bis dahin angenommen Lohdes Ehefrau Herta) ist auf dem Foto „Herbstspaziergang“ zu sehen
dunera.de freut sich über die Kontaktaufnahme beider Familien und hat entsprechende Korrekturen im Abschnitt „Familiäres“ der Biografie eingefügt.